Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Überprüfung der Spurentilgungshypothese

 

Sprecher: Valentina Kornilova

 

Titel:    Die Überprüfung der Spurentilgungshypothese anhand deutscher Broca-Aphasiker mit Agrammatismus

 

Die vorliegende Studie hat als Untersuchungsgegenstand das syntaktische Verständnisdefizit der Broca-Aphasiker mit Agrammatismus. Wenn man sich mit agrammatischen Broca-Aphasikern unterhält, hat man oft den Eindruck, dass sie keine Sprachverständnisdefizite haben. Gezielte Untersuchungen zeigen jedoch, dass Broca-Aphasiker mit Agrammatismus Schwierigkeiten beim Verständnis syntaktisch komplexer Sätze haben. Zur Erklärung der Verständnisbeeinträchtigungen wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Ansätze bzw. Hypothesen entwickelt. Ein Ansatz ist die Spurentilgungshypothese (Trace Deletion Hypothesis, TDH) von Yosef Grodzinsky (1984, 1986, 1995a, 1995), die den Schwerpunkt dieser Arbeit darstellte.

Die TDH sieht den Agrammatismus als eine partielle syntaktische Störung und geht davon aus, dass während der Sprachperzeption die Sätze, die Spuren enthalten, nicht korrekt interpretiert werden können. Laut Grodzinsky sind diese Spuren in der agrammatischen mentalen Satzstruktur getilgt bzw. gelöscht.

Das Ziel der Untersuchung war, die Spurentilgungshypothese mittels der Satz-Bild-Zuordnungsaufgaben zu überprüfen. Als Stimuli wurden irreversible und reversible Passivsätze verwendet. Die Daten wurden von 9 Kontrollpersonen und 9 deutschsprachigen Broca-Aphasikern mit Agrammatismus erhoben.

Den Ergebnissen zufolge ist das Verständnis der Aktivsätze im Vergleich zu dem Verständnis der Passivsätze mehr als dreimal besser, was für die Aussage der Hypothese spricht. Hervorzuheben ist hier der hohe Anteil (über 70 %) der korrekten Leistungen bei passiven Sätzen. Dieses Resultat spricht gegen die DTH. Dabei zeigen sich die Verständnisschwierigkeiten zum großen Teil bei reversiblen Passivsätzen, bei denen viermal mehr Fehler aufgetreten sind, als bei irreversiblen Sätzen. Dabei ist zu bemerken, dass mehr als die Hälfte (55,6 %) reversibler Passivsätze korrekt verstanden wurde. Dies bedeutet, dass richtige semantische Rollen den Satzelementen trotz ihrer Bewegung zugewiesen werden konnten, was im Widerspruch zur TDH steht. 50 Prozent korrekter bzw. nicht korrekter Leistungen für eine Bestätigung bzw. Widerlegung der Spurentilgungshypothese sind jedoch nicht genug aussagekräftig. Somit konnte keine einheitliche bzw. endgültige Aussage über die Gültigkeit der TDH gemacht werden.

 

1. Grodzinsky Y. (1984): The syntactic characterization of agrammatism. - In: Cognition, 16, 99-120
2. Grodzinsky Y. (1986): Language Deficits and the Theory of Syntax. - In: Brain and Language, 27, 135 - 159
3. Grodzinsky Y. (1995a): Trace Deletion, Θ-Roles, and Cognitive Strategies. - In: Brain and Language, 51, 469 - 497
4. Grodzinsky Y. (1995): A Restrictive Theory of Agrammatic Comprehension. - In: Brain and Language, 50, 27 - 51

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Letzte Änderung: 23.02.2011