Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie

Der Erwerb des Deutschen als Zweitsprache

Sprecher: Esra Hack-Cengizalp


Titel: Der Erwerb des Deutschen als Zweitsprache – eine deskriptive Fallstudie zum Verbstellungserwerb


Abstract:

Ich untersuchte im Rahmen meiner Magisterarbeit den Deutscherwerb eines türkischen Grundschulkindes (1. Klasse). Da sie mit dem Erwerb des Deutschen erst ab dem 3. Lebensjahr überwiegend konfrontiert war, eignete sie sich als Probantin im Rahmen des sukzessiven Spracherwerbs des Deutschen besonders gut.

Der Untersuchungsgegenstand war der Wortstellungserwerb, genauer: Die deutschsprachigen Äußerungen des Kindes wurden hinsichtlich der Stellung des Verbs analysiert. Im Fokus standen folgende Auswertungskategorien: Besetzung des Vorfelds, Inversion, Verbklammer und Verbendstellung im Nebensatz.

Die der Arbeit zugrundeliegenden Fragestellungen waren: Erkennt und wendet sie die Regularitäten der deutschen Verbstellung in den relevanten Kategorien an? Gibt es Abweichungen? Wenn ja, sind sie transferbedingt (aus L1: Türkisch) oder entwickelt sie eine eigene Lernersprache, die Elemente enthält, die auf keine der beiden Sprachen zurückzuführen sind?

Die Äußerungen wurden in einer elizitierten Spielsituation mit einem Diktiergerät aufgenommen (die Aufnahmen erfolgten im Zeitraum 24.10.2009 - 12.12.2010). Als Stimulus dienten ein Zeichentrickfilm, mehrere Situationsbilder, Bildergeschichten (Vater-Sohn-Zeichnungen) und ein Hörbuch. Danach wurden die Gespräche nach CHAT transkribiert und analysiert. Insgesamt ergaben sich 22 Gesprächssituationen. Eine davon fand in türkischer Sprache statt um festzustellen, ob und inwiefern sie die Verbstellungsregularitäten des Türkischen beherrscht.

Die ersten Ergebnisse zeigten, dass das Kind die deutschen Verbstellungsregularitäten überwiegend zielsprachlich realisierte. Abweichungen ließen sich vielmehr in den Kategorien Inversion (gering) und Verbendstellung im Nebensatz (hoch) zeigen. Die Nebensätze waren z. B. überwiegend gekennzeichnet durch die finite Doppelbesetzung des Verbzweits und des Verbends. Das Phänomen der Zweitstellung des Verbs bei monolingualem Erwerb des Deutschen in eingeleiteten Nebensätzen ist bei Äußerungen des untersuchten Kindes dagegen eine Randerscheinung. Ein Transfermerkmal könnte die Weglassung der linken Klammer in Perfektkonstruktionen sein (und ö-ö-ö-rö gemacht), da im Türkischen keine Klammer vorhanden ist und das Verb i. d. R. am Ende positioniert ist. Diese Erscheinung wird aber noch näher untersucht.