Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie

Sprecher: Elena Petrosyan


Titel: Die Entwicklung narrativer Kompetenz bei Kindern im Alter zwischen 7 und 14 Jahren. Eine kontrastive Studie zum Russischen und Deutschen.


Abstract:

Mein Projekt basiert auf einer bereits abgeschlossenen Studie von Ute Halm (2008) zum Deutschen, die klar gezeigt hat, dass Kinder bis zum Alter von 14 Jahren nicht in der Lage sind erworbene grammatische Mittel korrekt auf die sprachspezifischen Informationsorganisationsmuster abzubilden. Das bedeutet, dass das Altersspektrum von 7 bis 14 Jahren bisher in der Erstspracherwerbforschung unterschätzt wurde und macht eine krosslinguistische Untersuchung besonders interessant, da man dadurch feststellen kann, was in dieser späteren Erwerbsphase sprachspezifisch abläuft und was universal ist.

Die bedeutendsten Unterschiede sind im Bereich der Temporalität zu erwarten, der im narrativen Diskurs eine kohärenzstiftende Rolle spielt. Gerade deswegen ist der Vergleich der ausgewählten Sprachen so spannend. Es gibt einen ausschlaggebenden typologischen Unterschied, und zwar verfügt das Russische über ein ausgeprägtes Aspektsystem, d.h. Aspekt ist vollständig grammatikalisiert und muss an jedem Verb morphologisch markiert werden, im Deutschen dagegen gibt es keinen grammatischen Aspekt, was allerdings mit den lexikalischen Mittel kompensiert werden kann. Es ist anzumerken, dass Aspekt im Russischen eng mit dem Tempus verzahnt ist.

Die vorherigen Studien im Rahmen des DFG Projekts „Konzeptualisierung und einzelsprachliches Wissen in der Sprachproduktion“ zeigten, dass Aspekt ausschlaggebend für die Informationsorganisation ist und es wäre sehr interessant herauszufinden, was für Konsequenzen das für den Erwerb vonAspekt und nicht‐Aspekt Sprachen hat. Die bereits vorliegenden Erwachsenen Daten zeigen, dass der temporale Rahmen in beiden Sprachen auf dem Prinzip der Verschiebung beruht. Dabei kann Verschiebung im Deutschen anaphorisch geleistet werden, im Russischen dagegen gibt’s unter anderem die Möglichkeit mit Hilfe von Aspektkontrast auch innerhalb einer Äußerung die Verschiebung zu leisten. Es ist allerdings anzumerken, dass der Kontrast zwischen dem perfektivem und imperfektivem Aspekt nur im Präteritum möglich ist. 40% von russischen Sprecher entscheiden sich für Präteritum als Haupterzähltempus, die anderen 60% wählen Präsens. Die deutschen Erwachsenen entscheiden sich fast ausschließlich für Präsens. Es ist zu vermuten, dass die russischsprachigen Kinder eher dazu neigen im Präteritum zu erzählen, da in diesem Fall die Verschiebung auf der lokalen Ebene stattfindet, wozu Kinder weniger Kontextwissen benötigen und auch keine Makroplanung.