Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie

Sprecher: Annika Packi


Titel: Sprachliche Mittel zum Ausdruck der Simultanität im narrativen Text durch L1-Sprecher des Estnischen


Theoretischer Hintergrund

Der Einfluss der Sprache auf das Denken stellt eine der wichtigen Fragen der Psycholinguistik dar. Einige Wissenschaftler, wie Chomsky, sind der Ansicht, dass die Sprache keinen Einfluss auf kognitive Prozesse wie das Denken ausübt. Andere Wissenschaftler, wie Levinson, hingegen vertreten den Standpunkt, dass die Sprache das Denken bestimmt. Die geplante Untersuchung wird auf eben jene Problematik eingehen, ob die Muttersprache eine Rolle dabei spielt, wie die Zeit konzeptualisiert wird.

Das Zeitkonzept in Texten ist ein Forschungsbereich, auf dem bereits viel Arbeit geleistet wurde (u.a. Berman/ Slobin, 1994; von Stutterheim, 1997; Halm, 2008). Obwohl der Simultanität bereits einige Arbeiten gewidmet sind (z. B. Schmiedtová, 2004), so existieren, was die estnische Sprache anbelangt, keine Studien zur Simultanität. Demzufolge besteht ein Bedarf dies zu untersuchen.

Das Estnische verfügt über grammatische Mittel, wie z. B. die Verwendung des Gerundiums (Verbstamm + -des/ -es/ -tes), um Simultanität auszudrücken. Weiterhin gibt es zusätzliche lexikalische Mittel, z. B. temporale Adverbien (samal ajal kui ‚zur gleichen Zeit‘).

In Bezug auf andere Sprachen haben Berman/ Slobin (1994) u.a. im Deutschen und im Englischen die Konzeptualisierung simultaner Ereignissen untersucht. Die deutsche Sprache hat für diese keine morphologische Mittel, sondern nur lexikalische, wie z. B. Adverbiale (währenddessen) und subordinierende Konjunktionen (während), aber auch mithilfe Nominalisierungen (bei + nominalisierter Infinitiv, z. B. beim Laufen). Im Gegensatz dazu verfügt das Englische nicht nur über lexikalische (wie Adverbialien, z. B. while), sondern auch über morphologische Mittel (die progressive Verbform auf  –ing).

Fragestellung

Zum einen beschäftigt sich die Untersuchung mit der Frage, wie die Zeit im Estnischen konzeptualisiert wird. Genauer gesagt wird untersucht, welche sprachlichen Mittel in narrativen Texten verwendet werden, um simultane Ereignisse zu versprachlichen. Zum anderen wird ein diesbezüglicher sprachtypologischer Vergleich mit dem Englischen und Deutschen gezogen.


Berman, R. A./ Slobin, D. I. (1994): Relating events in narrative: A crosslinguistic developmental study. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.

Halm, U. (2008): Die Entwicklung narrativer Kompetenz bei Kindern im Alter zwischen 7 und 14 Jahren. Dissertation an der Universität Heidelberg.

Schmiedtová, B. (2004): At the same time…The Expression of Simultaneity in Learner Varieties. Berlin, New York: Mouton de Gruyter.

Von Stutterheim, C. (1997): „Zum Ausdruck von Zeit- und Raumkonzepten in deutschen und englischen Texten“. Zeitschrift für germanische Linguistik 25.2, 147-166