Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie

Sprecher: Frauke Hellwig


Titel: [s] in der deutschen Rechtschreibung: Theorie und Praxis


Abstract:

Bis zur Rechtschreibreform von 1996 war die Schreibweise des stimmlosen alveolaren Frikativs im Deutschen in der Kodaposition außer, was die Schreibung von [das] betrifft, rein morphologisch determiniert. <ß> wurde (mit wenigen Ausnahmen) unabhängig von der Länge des vorausgehenden Vokals immer dann verwendet, wenn es in dem Paradigma eines Wortes eine Wortform mit intervokalischem [s] gibt, ansonsten war die Schreibweise [s]. <ss> war in der Kodaposition nicht zugelassen. Durch die Rechtschreibreform muss wie bei intervokalischen [s] nun die Länge des vorausgehenden Vokals durch die Verwendung von <ss> statt <ß> nach kurzem Vokal (nach heutiger Rechtschreibung muss es Kuss und nicht Kuß heißen) auch in der Kodaposition kodiert werden, so dass die Schreibung von [s] insgesamt phonemischer geworden ist.

Mit Hilfe eines Lückentextes wurde untersucht, inwieweit Schüler im Sekundarbereich I die komplexe Schreibung von [s] beherrschen. Im Text wurden sämtliche Buchstaben die [s] repräsentieren weggelassen und mussten von den Probanden ergänzt werden. Die Schüler zeigten eine ziemliche Unsicherheit, die nicht nur Wörter betraf, deren Schreibung sich durch die Rechtschreibreform geändert hat, sondern auch Wörter, die einfaches <s> in Kodaposition bekommen. Diese wurden oft fälschlicherweise mit <ss> oder <ß> geschrieben. Ich vermute, dass dies durch eine Überbetonung des phonematischen Prinzips im Sprachunterricht verursacht ist, welches durch die Rechtschreibreform von der intervokalischen Position auf die Kodaposition ausgedehnt wurde. Das in dieser Position hierarchisch übergeordnete morphologische Prinzip wurde von einigen Schülern völlig außer Acht gelassen. Den Deutschlehrern, die als Kontrollgruppe dienten und die im Gegensatz zu den Schülern noch die alte Rechtschreibung gelernt hatten, gelangt es mit Ausnahme eines Lehrers auch nicht, die Lücken fehlerfrei zu füllen. Ihre Fehlerzahl war aber deutlich geringer als die der Schüler.