Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie

Adelssemantik und Landschaftsprojektion in der Frühen Neuzeit und in der Ära der Romantik

Teilprojekt im Rahmen des vom Staatsministers für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt geförderten, organisatorisch vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa betreuten internationalen und interdisziplinären Großprojekts „Adel in Schlesien“.

Träger des Teilprojekts:

Prof. Dr. Mirosława Czarnecka (Universität Breslau)

Prof. Dr. Jürgen Joachimsthaler (Universität Marburg)

Dr. Jerzy Kos (Universität Breslau)

Prof. Dr. Walter Schmitz (TU Dresden)

Mitarbeiterin:

Katharina Fleischer M.A. (TU Dresden)

Die Koordination des Projekts erfolgt von Dresden aus (Prof. Dr. Walter Schmitz).

Ziel des Teilprojekts ist es, nach einer Selbstthematisierung des Regionalen in den kulturellen Repräsentationen des Adels in Schlesien zu fragen sein. Wir wollen also klären, ob ein Gegenstandsbereich „Adel in Schlesien“ gegenüber einer allgemeinen, regionenübergreifenden Adelsforschung überhaupt spezifisches Interesse beanspruchen darf, ob der – seiner Herkunft nach eher gesamt(mittel)europäische – schlesische Adel also eine spezifische regionale Bindung und ein davon mitbestimmtes Selbstbewußtsein entwickeln konnte. In der Perspektive einer historischen Semantik rekonstruiert das Projekt den Umschwung von ‚Adel’ als Repräsentant der‚ Landschaft’ zu einer ‚Landschaft’ gleichsam als Spiegel des Adels.

Dabei wählt das Projekt eine vergleichende Perspektive in der Zeit; es geht von jenen beiden Umbruchszeiten aus, die Position, Funktion und Mentalität des Adels nachhaltig prägten bzw. veränderten: Die Frühe Neuzeit steht im Zeichen beginnender Staatsbildung, Konfessionalisierung und Territorialisierung und damit für die Ablösung personaler Herrschaftsverbände durch eine letztlich orts- und gebietsgebundene Institutionalisierung von Macht, während die Zeit der Romantik von der beginnenden Auflösung ständisch-feudaler Herrschaftsstrukturen im Zuge der sogenannten „Bauernbefreiung“, der allgemeinen Gewerbefreiheit und der einsetzenden Industrialisierung gekennzeichnet ist, in Preußen verstärkt durch die zunehmende Herausbildung eines in der Administration eingesetzten Funktionsadels mit ökonomisch oft prekär gewordenen Besitz- und Herrschaftstiteln.

Eine regionale Ausprägung des Adels in Schlesien ist diesseits überregional gültiger Gepflogenheiten und Standesgesetze nur zu fassen anhand auf die Region bezogener öffentlicher wie privater Selbstinszenierungen. Zu fragen ist deshalb, wie der Adel seine Interessen, seine Möglichkeiten und Krisen, aber auch seine ständischen, seine konfessionellen – man denke nur an die Anlage des „Schlesischen Jerusalems“ in Albendorf (heute Wambierzyce) – und seine individuellen Vorlieben auf die Region Schlesien projizierte und in dieser abbildete, die Landschaft also zum Träger einer spezifischen Adelssemantik wurde und umgekehrt diese Semantik mitprägte. Zeugnisse hierfür sind in erster Linie literarische Texte (incl. Briefe und Tagebücher), Gemälde, Gartenanlagen und Schlossbauten, also alle ästhetischen Landschafts- und Raumentwürfe, die die konkrete Landschaft (mit den in ihr lebenden Menschen) in repräsentative Sinnlandschaften verwandeln. Abzuklären wird dabei insbesondere sein, inwieweit regional übergreifende Formen der Raumgestaltung regional besondere Ausprägung erfuhren; als Stichworte seien hier nur exemplarisch genannt Schäferdichtung, Landeslob, Naturlyrik, Landschaftsmalerei, Gartenbau und die verschiedenen Ausprägungen der Architektur vom Barock bis zum Klassizismus mit ihren jeweils verschiedenen Nutzanwendungen von der Eremitage bis zum herrschaftlichen Verwaltungssitz.

Besonderen Erkenntnisgewinn verspricht dabei der systematische Vergleich von Früher Neuzeit und der Zeit der Romantik, liegt zwischen diesen beiden Zeiten doch ein mehrfacher politischer, gesellschaftlicher, ökonomischer und nicht zuletzt auch ästhetischer Kontinuitätsbruch. Kann der schlesische Adel in der Frühen Neuzeit trotz aller Auseinandersetzungen mit der Krone und der teilweise hohen Mobilität der Herrschaftstitel letztlich eine seinem ständischen Selbstbewußtsein entsprechende repräsentationsbewußte Semantik in seiner Selbstdarstellung aufrechterhalten, so bildet sich in der Zeit der Romantik eine Landschaftsinszenierung oft auch ohne Herrschaftstitel aus. Gerade aus diesem Kontrast versprechen wir uns vertiefte Einblicke in den Funktionswandel des Adels in Schlesien und seines Verhältnisses zum Land, aber auch für den im Blick auf den Adel bislang zuwenig beleuchteten Zusammenhang zwischen ästhetischer Stilisierung der Region und Sozialgeschichte (entsprechende Forschungen konzentrieren sich bisher vorrangig auf die Herausbildung eines bürgerlichen Landschaftsverständnisses).

Als exkursartiger Ausblick bietet sich schließlich am Ende noch die schlesische Bäderlandschaft etwa in Warmbrunn an, markiert diese doch in ihrer Art zunehmend tourismusorientierter Landschaftszubereitung die Ablösung adeliger durch (groß-)bürgerliche Landschaftsinszenierungen und kann somit als ein Ausdruck des Übergangs, der verschwindenden Differenz zwischen Adel und Großbürgertum das Thema beenden: An die Stelle machtpolitisch real oder zumindest noch ästhetisch und fiktional beherrschter Landschaft tritt das käuflich gewordene Landschaftserlebnis, für das die unverwechselbare Spezifik der Landschaft zu einem ökonomisch unverzichtbaren Markenzeichen wird.

Durchzuführen ist dieses Projekt nur in einem länderübergreifenden interdisziplinären Zugriff, an dem insbesondere Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Geschichte beteiligt sind – die das Projekt tragenden Partner können auf die Mitarbeit der entsprechenden Institute an ihren Hochschulen (TU Dresden, Uniwersytet Wrocławski) rechnen.

Ziel des Projekts ist eine von den Beteiligten gemeinsam verfasste Monographie, wobei der Kreis der Mitarbeiter um der angestrebten Interdisziplinarität willen über den Kreis der genannten direkten Projektträger hinaus auszudehnen ist.

Daneben werden in begrenzter Zahl Wissenschaftler aus den relevanten Nachbarfächern insbesondere der beiden beteiligten Hochschulen eingebunden, um den hier bereits vorhandenen sachlichen und fachlichen Kompetenzen ein Forum und eine Möglichkeit der Mitwirkung zu bieten, die letztlich auch dem Projekt selbst zugute kommen wird.

Projektergebnisse fließen ein in die vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa herausgegebene Publikationsreihe "Adel in Schlesien".